Reise ins Heilige Land
Über Zionismus, Propaganda und die Lehren aus der deutschen Geschichte. Ein Reisebericht.
„Die Wahrheit ist von Bedeutung, aber von einem praktischen Standpunkt aus betrachtet ist das Verschweigen der Wahrheit von noch größerer Bedeutung.“
A. Huxley
„Israel is not the Jewish state; it has nothing to do with Judaism or Jewishness.“
Rabbi Y. Shapiro
1.Prolog
Es gibt Ereignisse, die den Zeitstrahl in ein Vorher und Nachher zerteilen, die deutlich das Ende einer Epoche signalisieren, aber nur eine düstere und vage Vorstellung der Zukunft vermitteln. Die brutale Attacke der Hamas und der Massenmord an Zivilisten, den der israelische Staat als Vergeltung verübt hat, gehören in diese Kategorie. Die Hoffnung auf eine Welt, die aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hat, hat sich als Illusion erwiesen.
Die israelische Luftwaffe hat seit Beginn der kollektiven Bestrafung der Palästinenser mehr als 80 000 Tonnen Sprengstoff über dem Gazastreifen abgeworfen. Es sind mehr Bomben auf das dicht besiedelte Gebiet gefallen als auf Hamburg, Dresden und London während des gesamten Zweiten Weltkriegs.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Staat seine Armee für die kollektive Bestrafung einer Zivilbevölkerung einsetzt. Die Franzosen haben als Reaktion auf Anschläge der FLN in Algerien 10 000 Menschen getötet. Kolonialmächte haben in der Vergangenheit häufig ihre Armeen gegen Zivilisten eingesetzt, um Eingeborene für bewaffnete Aufstände zu bestrafen.
Aber es ist das erste Mal, dass ein solche Kampagne stattgefunden hat, während die Weltöffentlichkeit zugesehen hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Videoclips des Gemetzels im Gazastreifen sind die Konsequenzen der Umsetzung einer Idee aus dem neunzehnten Jahrhundert. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen auf groteske Art.
Wir leben jetzt in einer Zeit, die uns zwingt, unseren Augen nicht zu trauen, um unseren Verstand zu bewahren. Wir leben in einer Zeit, in der ein deutscher Journalist im Auftrag eines Qualitätsmediums versucht, die UN-Berichterstatterin für Menschenrechte in Gaza während einer Pressekonferenz mit pedantischen Fragen aus der Fassung zu bringen.
Sie präsentiert ihren Bericht, er trägt den Titel „Anatomie eines Genozids“. Der deutsche Journalist verlangt nach weiteren Dokumenten, nach mehr schriftlichen Beweisen, um auch wirklich sicher sein zu können, dass es sich bei dem, was in Gaza geschieht, um einen Völkermord handelt.
Denn nur wenn es die deutsche Regierung schwarz auf weiß vorliegen hat: „Wir, die israelische Regierung, werden jetzt einen Völkermord laut der Definition der Völkermordkonvention begehen“, nur dann wäre sie bereit anzuerkennen, dass in Palästina ein widerliches Verbrechen stattfindet.
Diese Art der Argumentation erinnert an den britischen Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner David Irving. Der nutzte das Fehlen eines schriftlichen Beweises, in dem Hitler die millionenfache Vernichtung unwerten Lebens explizit anordnete, um den Holocaust in Frage zu stellen.
Die seltsame neue Zeit in der wir leben ist eine Zeit bitterer Ironien der Geschichte. Ein von Raphael Lemkin, einem jüdischen Denker, einem Überlebenden des Holocausts, geprägter Begriff, der zur Verhinderung von Völkermorden dienen sollte, wird von einem Angehörigen des Volkes, das für den Holocaust verantwortlich ist, zu einem Gegenstand semantischen Spiegelfechtens degradiert.
Damit will er vom eigentlichen Thema abzulenken, um dem Staat der Nachfahren der Opfer des Holocausts zu erlauben weiter zu morden. Das betrachtet die Regierung des Landes, die sich „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben hat, hat als Teil ihrer Staatsräson.
Hier ist der Punkt erreicht, an dem sich alle Satire erübrigt und folgerichtig beschäftigt sich Jan Böhmermann während des von der deutschen Regierung unterstützten Völkermords mit dem Zustand von Autobahnbrücken und der Stigmatisierung von „Long Covid“ Patienten.
Die Unterstützung der deutschen Regierung für den tausendfachen Mord an Männern, Frauen und Kindern in Gaza macht deutlich, dass die „Erinnerungskultur“ wohl nie dazu gedient hat, die Deutschen davor zu bewahren, wieder eine Menschengruppe zu dehumanisieren.
Robert Habecks auf der ZDF Webseite zitierte Aussage, dass die Hamas Verantwortung auf sich geladen habe dafür, „dass dieses ja auch fürchterliche Leid im Gazastreifen passiert“, ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese Dehumanisierung sich sprachlich niederschlägt.
Das „ja auch fürchterliche Leid“ der Palästinenser „passiert“. Israelis werden von Hamas Terroristen ermordet; Täter und Opfer werden klar benannt. Aber der Massenmord an palästinensischen Zivilisten durch die Armee eines Staates „passiert“ und schuldig sind nicht die Täter. Schuldig ist die Hamas.
Es ist eine perverse Logik. Es ist die Logik des Gangsters, der aus Rache die gesamte Familie des Gegners ermordet und sich dabei im Recht sieht. Es ist die Logik, die der „zivilisierte“ Westen den „barbarischen“ Terroristen der Hamas unterstellt.
Es scheint, als hätte die Beschwörung der Erinnerung an die Verbrechen des Dritten Reichs vor allem der Etablierung einer moralisch bereinigten deutschen Identität gedient. Diese Identität zeichnet sich durch eine besondere Bereitschaft der Schuldanerkennung für den Holocaust aus, ohne aber aus dieser Anerkennung den richtigen Schluss zu ziehen.
Wir befinden uns auf unbekanntem Terrain, in einer seltsamen neuen Welt, in der wir die Aufmerksamkeit von der Beendigung eines tausendfachen Massenmordes und des Aushungerns einer Bevölkerung auf eine Debatte über die Definition eines Konzepts verlagert haben. Wir müssen uns scheinbar alle einig sein, dass es sich um einen Völkermord handelt; nur dann ist der Massenmord in Gaza verwerflich.
Es ist interessant, sich in Erinnerung zu rufen, wie anders die Wahrnehmung dieser Dinge vor 20 Jahren war. Vor 20 Jahren waren die Bilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak ein globaler Skandal. Die Empörung war weltweit und führte zumindest für Schuldige der unteren Eben zu Konsequenzen.
Die Maske zersplittert
Die Misshandlung der Gefangenen in Abu Ghraib erscheint im Vergleich zum dem Gemetzel in Gaza wie eine Lappalie. Heute wird ein Gefängniswärter, der palästinensische Häftlinge gefoltert hat in Israel zum Volkshelden und ein Abgeordneter des Likud, der Partei Netanjahus, erklärt im Parlament und vor laufenden Kameras, dass er die rektale Vergewaltigung von Terroristen für gerechtfertigt hält.
Die humanitäre Maske des Westens, insbesondere der Vereinigten Staaten, ist schon vor langer Zeit ins Rutschen geraten. Jetzt ist sie zu Boden gefallen und in tausend Stücke zersplittert. Die Illusion, dass wir die Guten seien, macht uns blind für Zusammenhänge und die menschlichen Beweggründe derer, die wir dehumanisieren und zu Tausenden abschlachten und verhungern lassen.
Das Essay „Reise ins Heilige Land“ ist mein Versuch, mich nicht dämonisierender Propaganda blenden zu lassen, sondern die tatsächliche Situation in Palästina zu verstehen. Anfangs war es vor allem eine intellektuelle Reise, eine Recherche des Themas. Aber es wäre mir unmöglich gewesen, mir ein Urteil zu erlauben, ohne selber dort gewesen zu sein.
Ich denke, das geht vielen Deutschen so. Deswegen ist ‚Reise ins Heilige Land‘ auch als Ermutigung gemeint, selbst in das Land zu reisen, dessen Wohlergehen deutsche Staatsräson ist.
Ich habe als junger Mann als freier Journalist für eine deutsche Zeitung geschrieben, dann aber aus finanziellen Gründen die Seiten gewechselt und mein Geld jahrelang mit dem Verfassen von „corporate propaganda“ verdient. Meine Aufgabe war Artikel zu schreiben, die wie Journalismus klangen, ohne es zu sein.
Dabei habe ich gelernt, dass Lügen nur ein Teil von effektiver Propaganda sind; der wichtigere, größere Teil besteht im Verschweigen. Die Logik der Propaganda bestimmt vor allem was betont und was verschwiegen wird.
Die Reise ist auch der Abschluss einer Recherche, die ich vor zwanzig Jahren während meines Politikstudiums an der „London School of Economics“ begonnen, danach aber aus den Augen verloren habe. Ich war damals froh, dass Studium hinter mir zu haben. Die Themen interessierten mich, aber ich war kein Aktivist. Mir ging es vor allem darum, meinen Lebenslauf mit einem „LSE“ Abschluss aufzumotzen.
Ich war der idiotischen, aber damals weit verbreiteten Ansicht, dass die entscheidenden politischen Schlachten geschlagen seien und man sich voll auf das eigene Leben konzentrieren könne; der Kalte Krieg war vorbei, die Guten hatten gewonnen, es bestand keine Notwendigkeit mehr, sich um das große Ganze zu scheren. 2025, 20 Jahre später, empfinde ich die Haltung der Regierung meines Landes zum israelischen Massenmord an Zivilisten in Gaza als beschämend und will etwas tun.
Ich kann einen Beitrag zur Information der deutschen Öffentlichkeit über den Konflikt und seine Hintergründe leisten. Was ich in deutschen Medien zum Thema gelesen habe, ist häufig von schlechter Qualität, meist weil die Autoren palästinensische Zivilisten nicht als vollwertige Menschen betrachten und sich weigern, Ereignisse wie den siebten Oktober in einen Kontext zu setzen.
Der Kommentar des deutschen Journalisten Richard C. Schneider zur Befreiung von vier israelischen Geiseln vom 9.6.2024 im „Spiegel“ ist ein gutes Beispiel für diese Art von Berichterstattung. Schneider ist ein erfolgreicher Journalist, langjähriger Leiter des Tel Aviv Studios der ARD und Mitbegründer des Berliner PEN-Clubs. Ein Spezialkommando der israelischen Armee hatte am 8.6.2024 vier israelische Geiseln aus dem dicht besiedelten „al Nuseirat“ Flüchtlingslager im Gazastreifen befreit. Es war eine extrem blutige Aktion, bei der über 200 Palästinenser ihr Leben lassen mussten.
Selbst die direkt von der amerikanischen Regierung finanzierte Medienorganisation „Voice of America“, ein Relikt des Kalten Krieges und keiner Sympathie für die „Hamas“ verdächtig, entschied sich für folgende Schlagzeile: „Israel rettet 4 Geiseln und tötet 200 Palästinenser bei einem begleitenden Angriff“.
Die Spiegel-Redaktion hat Schneiders Text folgende Schlagzeile verpasst: „Der Tag, an dem Israel vor Freude weint“. Er beginnt seinen Kommentar mit diesen Sätzen:“ Gestern war es wieder da, dieses vereinte Israel. Dieses Israel, dass sich wie eine einzige große Familie anfühlt.“ Es seien solche Momente, schreibt Schneider weiter, „die Israelis wahrnehmen lässt, dass sie eine Schicksalsgemeinschaft sind, dass sie eigentlich alle zusammen »in einem Boot sitzen«. Und vor allem, dass jeder Soldat, oder jetzt jede Geisel, das Kind aller Israelis ist.“
Im Hebräischen spreche man sich mit Vornahmen an, berichtet Schneider, diese mache Fremde zu Bekannten und er lässt seine Leser am ekstatischen Gefühl der Verbundenheit teilhaben: „Auch das Video, in dem die Frau von (Geisel) Shlomi Ziv das erste Mal mit ihrem Mann spricht, wird mehrfach gezeigt. Sie sitzt im Auto, ist offenkundig auf dem Weg zu ihm, beide weinen, rufen durcheinander, wie sehr sie sich lieben. Es gibt keine Scham in Israel, solche intimsten Momente mit allen zu teilen, da doch alle das Gleiche fühlen.“
Schneider beendet den Artikel mit der Erinnerung an den siebten Oktober, dem Tag: “als die Hamas auf israelischem Territorium das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust verüben konnte.“ Die über 200 toten Palästinenser erwähnt er mit keinem Wort.
Es besteht kein Zweifel daran, dass viele der getöteten Palästinenser keine Hamas-Kämpfer waren. Die „Voice of America“ zitiert den verantwortlichen israelischen General; er setzt die Zahl der getöteten Palästinenser geringer an, aber selbst er sagt: „Ich weiß nicht, wie viele der palästinensischen Opfer Terroristen waren.“ Wie wäre die Reaktion hierzulande, wenn bei einer Geiselbefreiungsaktion so viele unbeteiligte deutsche Zivilisten zu Tode kämen?
Was Robert Jensen, ein mittlerweile emeritierter Professor für Journalismus an der Universität von Austin während einer Konferenz über den journalistischen Betrieb in den Vereinigten Staaten gesagt hat, trifft in vieler Hinsicht auch sein deutsches Pendant zu: „US-amerikanische Journalisten sind in symbiotische Beziehungen mit den Mächtigen verstrickt. Anstatt unabhängig und kritisch zu sein, sind Journalisten in der Regel von politischen Entscheidungsträgern abhängig und nicht bereit, die entscheidenden, kritischen Fragen zu stellen. Anstatt das Spiel der Macht zu beobachten, sind die meisten Journalisten Teil des Spiels.“
Ich muss mich nicht an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des journalistischen Betriebs halten, ich muss mich nicht um Zugang zu wichtigen Interviewpartnern sorgen, ich muss mich nicht um Längenvorgaben kümmern oder um die Vorlieben und die politische Einstellung des zuständigen Redakteurs. Die einzigen Kriterien, die mich beim Schreiben dieses Texts interessieren sind Klarheit, Gründlichkeit und Genauigkeit.
Wo die CDU Recht hat
Wie so oft sind die Fakten nicht in Geheimarchiven versteckt und nur einem ausgewählten kleinem Zirkel bekannt. Sie sind frei verfügbar, in Büchern, Berichten und Zeitungsartikeln. Es ist möglich sich ein Urteil zu bilden, ohne Hebräisch oder Arabisch zu sprechen und ohne eine Dissertation über den Nah-Ost-Konflikt verfasst zu haben. Es kostet etwas Zeit und Anstrengung, aber es ist möglich, besonders für die vielen Millionen Deutschen, die der englischen Sprache mächtig sind und es sich leisten können, jedes Jahr Tausende von Euros fürs Reisen ausgeben.
„Die Bundesrepublik Deutschland trägt aufgrund der Verbrechen der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft besondere geschichtliche Verantwortung“ schreibt die CDU in ihrem Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches zur Bekämpfung von Antisemitismus, Terror, Hass und Hetze. Ich kann der CDU nur zustimmen. Die deutsche Regierung trägt besondere geschichtliche Verantwortung und es ist beschämend, dass sie dieser Verantwortung nicht gerecht wird.
Es sind schon unzählige Bücher über dieses Thema geschrieben worden. Mein Ziel war es, den Text möglichst kurz zu halten und ihn mit Links zu Quellen als kostenlose Ressource online zu veröffentlichen. Es sind trotzdem mehr als 100 Seiten geworden. Ich habe trotz ausgiebiger Recherche die Erfahrung gemacht, dass ich mir meines Urteils erst vollständig sicher war, nachdem ich selber in Ost-Jerusalem und im Westjordanland gewesen bin.
Ich verfolge seit vielen Jahren die Medien in England und den USA. Dort erhalten Stimmen Gehör, die in Deutschland kaum Beachtung finden, wie z.B der palästinensische Autor Rashid Khalidi, der israelische Historiker Illan Pappé oder der israelische Journalist Gideon Levy. Was sie zu sagen haben, bekommt die deutsche Öffentlichkeit zu selten zu hören. Es war mir wichtig, deutschen Lesern Zugang zu diesen Autoren und ihren Ideen zu geben.
Die Diskrepanz zwischen der kritischen Berichterstattung in englischsprachigen Medien, inklusive (teilweise) auf Englisch publizierender israelischer Publikationen wie „Haaretz“ und „+972“ und den deutschen Medien ist enorm. Redakteure deutscher Zeitungen sind sicher in der Lage, auf Englisch verfasste Artikel zu lesen, könnten also die dort beschriebenen Sachverhalte nachrecherchieren und deutschen Lesern zugänglich machen. Warum das nicht geschieht, ist eine interessante Frage, aber der Versuch sie zu beantworten würde den Rahmen dieser Einleitung sprengen.
Um diese Lücke zu schließen, habe ich auch viele Fakten aus den umfangreichen englischsprachigen Berichten von Organisationen wie der UN und Human Rights Watch zusammengetragen, um sie in einem kompakteren Format und in deutscher Sprache zugänglich zu machen.
Ein weiterer Schwerpunkt dieses Essays ist eine Analyse der nationalistischen Ideologie des Zionismus, weil in Deutschland außerhalb von Universitäten kaum jemand eine genaue Vorstellung davon hat und viele Deutsche der Ansicht sind, der Zionismus sei religiös begründet und erst als Reaktion auf den Holocaust entstanden.
Ich hoffe, der Text hilft Ihnen dabei, sich Ihr eigenes Urteil zu bilden. Aber glauben Sie mir nicht unbesehen. Gerade bei diesem Thema ist es ratsam skeptisch zu bleiben und zu den Quellen zu gehen. Ich habe alle Quellen, die nicht direkt im Text verlinkt sind, in einem Ordner zusammengestellt, den Sie auch auf der „Reise ins Heilige Land“ Seite finden.