Tel Aviv
21.2.2024
Ich checke aus dem Hotel aus und nehme meinen Koffer mit. Ich werde Tel Aviv an diesem Tag verlassen und mit dem Zug nach Jerusalem fahren. Israel ist ein sehr teures Land, deswegen freue ich mich, ein preiswertes Hotel in Ostjerusalem gefunden zu haben. Ich habe die Absicht, drei Nächte in Jerusalem zu bleiben und will den Versuch machen, auch das Westjordanland zu besuchen.
Es ist Tag 138 des israelischen Bombardements des Gaza-Streifens. Bisher sind es 29.000 Tote und 70.000 Verletzte. Tausende werden vermisst oder liegen unter den Trümmern begraben. Das Nasser-Krankenhau in Khan Younis, eines der größten Krankenhäuser des Gaza Streifens, wird seit zwei Wochen von der israelischen Armee belagert. Die Israelis haben 70 Krankenhausmitarbeiter verhaftet, 136 Patienten sind ohne Elektrizität, Nahrung und Wasser eingeschlossen, acht Patienten sind auf Grund von Sauerstoffmangel erstickt.
Ende April, nach dem Rückzug der israelischen Streitkräfte Anfang des Monats, exhumierten Mitarbeiter des Zivilschutzes des Gazastreifens fast 300 Leichen aus dem Massengrab auf dem Gelände. Al Jazeera English berichtete: „Unter den Leichen befinden sich ältere Frauen, Kinder und junge Männer.“ Ein Sprecher des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte erklärte: “Einigen von ihnen waren die Hände gefesselt, was natürlich auf schwerwiegende Verstöße gegen die internationalen Menschenrechtsnormen und das humanitäre Völkerrecht hindeutet.“
Propaganda-Phantasialand
Ich komme pünktlich im „Palmach“ Museum an und werde wie am Vortag freundlich empfangen. Ich lasse mein Gepäck bei den Reservistinnen, die anscheinend am Ticketschalter ihren Wehrdienst ableisten. Die Gruppe, die ich begleiten soll, ist schon da.
Es sind Teenager, eine Schulklasse. Der Besuch im Geschichtsmuseum ist anscheinend eine Pflichtveranstaltung, die Kids wirken desinteressiert, vielen starren auf ihre Handys. Ich erhalte einen englischsprachigen Audioguide und dann geht es auch schon los.

Wir werden einen dunklen Gang heruntergeführt und gelangen zu einer großen rechteckigen Struktur, die an ein gigantisches Grab erinnert. Der Raum ist dunkel, nur die Struktur selbst ist beleuchtet. Am Kopfende des Rechtecks hängt eine Skulptur, die an zwei Buchseiten erinnert, versehen mit dem Symbol der „Palmach“, ein Schwert zwischen zwei stilisierten Ähren. Die Seiten der offenen rechteckigen Struktur, des Heldengrabs, sind komplett von hebräischer Schrift bedeckt, den Namen der gefallenen Helden der „Palmach.“
Zielgruppengerechte Erschaffung von Wirklichkeit
Ab diesen Moment ist klar, dass es sich hier nicht um ein normales Museum handelt, sondern um einen weiteren Baustein des monumentalen zionistischen Propagandaprojekts. Der Weg in das Museum führt um das Heldengrab herum. Wir betreten den ersten Raum: Keine Exponate, keine kritische Einordnung. Stattdessen zeigt der Raum eine Kulisse aus Palästina während der Zeit der britischen Herrschaft, eine Straßenszene mit Marktstand, Fahrrad und Café. Die Kulisse dient dazu, den kurzen Film auf der großen Videoleinwand plastischer und realistischer erscheinen zu lassen.
Der Film erzählt das erste Kapitel der Geschichte einer Gruppe jüdischer Jugendlicher, Rekruten der „Palmach“ und folgt der Geschichte der Gruppe von der Mandatszeit bis zum Krieg 1948 und der Gründung Israels. Die Schülergruppe, mit der ich von Raum zu Raum gehe, ist kein Zufall. Jugendliche waren offensichtlich die Zielgruppe der Planer dieser gigantischen, propagandistischen Videoinstallation. Das Ziel ist nicht Wissensvermittlung und Förderung kritischen Denkens, das Ziel ist Wiedererleben, immersive Erfahrung, totale Identifikation und damit eine Verengung der Perspektive.
Im Stil einer modernen Seifenoper, im Stil von „Friends“ oder „Neighbours“, bekommen die jugendlichen Zuschauer Identifikationsfiguren angeboten, Teenager, die aus verschiedenen Teil der Welt nach Palästina kommen und gemeinsam für die Erschaffung Israels kämpfen. Die Armee ist die Wiege und Motor der israelischen Nation, damals wie heute.

Die Filme feiern Lagerfeuerromantik und Kameradschaft, zeigen ein sentimental verklärtes Bild des Soldatenlebens und untermauern den Mythos des kleinen, bedrohten Israels, dass dank Tapferkeit und Cleverness den Krieg gegen mehrere arabische Staaten gewinnt.
Nach dem historischen Sieg machen sie sich daran, den Außenposten der europäischen Zivilisation im Land der barbarischen Araber zu konstruieren.
Die brutale ethnische Säuberung, an der palästinensischen Bevölkerung an der die „Palmach“ Truppen wesentlich beteiligt waren, wird mit keinem Wort erwähnt. Auch dieses Museum verfolgt nicht die Absicht, die Vergangenheit zu rekonstruieren und kritisch zu reflektieren. Es verfolgt die Absicht, einen Mythos zielgruppengerecht zu inszenieren und eine falsche Wirklichkeit zu erschaffen.
Träume, Lieder, Phantasien und schwarz rot goldene Bänder
Alle Nationen bedienen sich der Propaganda und der bewussten Verfälschung der Wirklichkeit. Einer der Unterschiede zwischen Israel und anderen Nationen besteht in der Tatsache, dass nicht erst eine Gruppe über lange Dauer an einem Ort lebte und sich mit Hilfe von Mythen und Propaganda zur Nation aufschwingt. Israel ist der Sonderfall einer Nation, die mit Mythos und Propaganda beginnt und sich die Gruppe mühsam zusammensuchen muss.

Israel ist mehr als jede andere moderne Nation auf bewusster Nutzung von Symbolen und Propaganda begründet. Herzl beschrieb den Propagandaplan für Israel in einem Brief an Baron Hirsch auf folgende Weise: “Für eine Flagge sterben und leben Männer; es ist in der Tat das einzige Ding für das sie in Massen zu sterben bereit sind. Wissen Sie, wie das Deutsche Reich erschaffen wurde? Träume, Lieder, Fantasien und schwarz rot goldene Bänder.“
Der Zionismus war von Beginn an kein intellektuelles System. Er hat sich immer auf Herzls Formel von Symbolismus, Emotionen und Slogans verlassen. Indem sie Symbole aus der jüdischen Tradition heranzogen, suggerierten die Zionisten die Autorität dieser Tradition, ohne sich direkt auf sie zu berufen.
Denn es handelte sich auch um den Versuch, die Religion zu verdrängen, indem man den Sinn ihrer Symbole einfing, um eine säkulare Ordnung zu errichten. Nach dem Holocaust haben die Zionisten noch intensiver von dieser Formel gebraucht gemacht und ihren Gefolgsleuten ständig Angst vor einem neuen Hitler gemacht, um ihre nationalistischen Gefühle anzufachen.
Ironien der Geschichte
Als Deutscher bin ich Bürger eines Landes, das sich nach anfänglicher willentlicher Blindheit zumindest teilweise seiner dunklen Vergangenheit gestellt hat. In meiner Generation war der Versuch erkennbar, sich gegen die Gefahren von nationalistischer Propaganda zu immunisieren. Es ist eine weitere bittere, schwer zu ertragende Ironie der Geschichte, in dem Land der Nachfahren der Opfer des Holocausts genau diesem mörderischen Phänomen zu begegnen.
Aber Israel und der Zionismus sind nicht mit dem Judentum identisch. Es ist gerade für Deutsche wichtig, sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Eine große Zahl orthodoxer und säkularer Juden sind und waren Antizionisten. Die Anfänge des modernen Zionismus liegen im späten neunzehnten Jahrhundert. Er ist ein Produkt der Kolonialzeit, der Zeit, die der britische Historiker Eric Hobsbawm „Das Zeitalter der Imperien“ getauft hat.
Der Zionismus ist ein Produkt der Moderne, eine Ideologie, die sich das Ziel der Schaffung eines neuen Menschen gesetzt hat.
Aus dem verachtenswerten „Jid“, dem „Mauschel“, sollte der stolze, gewaltbereite Hebräer werden. Es ist eine Ideologie, die viel mit dem Faschismus und wenig mit der jüdischen Religion gemeinsam hat.
Dank der kategorischen Dehumanisierung der Palästinenser sind viele moderne Zionisten dem Ideal ihrer Vordenker auf grausame, abstoßende Weise nahegekommen. Die zahllosen Handyvideos israelischer Soldaten, in denen sie mit Schadenfreude und Perfidie ihren Völkermord feiern und sich beim Foltern der Palästinenser filmen, sind Zeugnis der Effektivität einer nach propagandistischen Zielen erschaffenen Lebenswelt, einem gigantischen „Propaganda-Phantasialand“. Der vielbeschworene jüdische Humor mutiert hier zu einer sadistischen Schadenfreude.
Social Media Genocide
Ein Video zeigt beispielsweise Dutzende palästinensische Gefangene aus Gaza, die gefesselt und mit verbundenen Augen in einem Bus sitzen. Ein israelischer Soldat fordert sie dann auf, seine Familie zu preisen und zu erklären, dass sie „für immer und ewig“ Sklaven seiner Familie werden wollen. ¹⁶
Sich in zerstörten Häusern in Gaza über Probleme mit der Stromversorgung zu beschweren, ist ein beliebter Gag der israelischen Streitkräfte. ¹⁷
Die IDF hat sogar einen israelischen „Influencer“ dazu gebracht, ein „Hotel“, das heißt, ein von der Armee verwüstetes Haus von Zivilisten in Gaza, spöttisch zu „bewerten“. ¹⁸
„Die Dehumanisierung der Palästinenser ist mittlerweile normativ und allgegenwärtig“ schreibt der israelische Historiker Lee Mordechai. Ich habe die Beispielvideos in seinem sehr empfehlenswerten Online Archiv „Witnessing the Gaza War“ gefunden. ¹⁹
Weiter anfällig für Propaganda
Gerade wir Deutsche, die Erinnerungsweltmeister, die sich freitagabends Dokudramen über die Wannseekonferenz ansehen, sollten auf der Hut vor der Macht dehumanisierender Propaganda sein. Dann hätten wir etwas dazugelernt. Leider wurde die Lektion offensichtlich nicht verstanden. Wir scheinen zu denken, dass Nibelungentreue zu denjenigen, die wir als die Nachfahren unserer Opfer definieren, unsere heilige Pflicht ist.

Wir sind gern bereit, den Fehler zu wiederholen, nur die Gruppe ändert sich. Es scheint, als hätten wir trotz aller offiziellen Beteuerungen nichts gelernt, als habe kein Transfer stattgefunden. Ich schreibe „wir“, tue das aber aus stilistischen Gründen. Ich hoffe sehr, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung sich seine Menschlichkeit erhalten hat und genau wie ich angewidert ist vom Verhalten der deutschen Regierung.
Was das Palmach „Museum“ ausspart, rekonstruiert der israelische Historiker Illan Pappé minutiös genau in seinem Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Es ist bedauerlich, dass dieser bedeutende jüdische Denker in Deutschland kaum bekannt ist und sein Werk auf wenig Interesse stößt. Es scheint, als wären wir wieder willentlich blind. Ilan Pappé ist einer der einflussreichsten israelischen Historiker. Geboren 1954 in Haifa, widmet er sich in seinen Arbeiten der Revision der israelischen Geschichtsschreibung.
Pappé gehört zu einer Gruppe von Historikern, die als „New Historians“ bekannt wurden. Diese Gruppe – darunter auch bekannte Namen wie Benny Morris und Avi Shlaim – begann in den 1980er Jahren, die israelischen Archive zu durchforsten, als Dokumente über den Unabhängigkeitskrieg freigegeben wurden.
Die Entdeckungen, die sie machten, widersprachen dem nationalen Narrativ, das jahrzehntelang fest verankert war.

In seinem Werk „Die ethnische Säuberung Palästinas“ zeigt Pappé, dass die Vertreibung der Palästinenser kein Zufallsprodukt des Krieges war, sondern ein geplanter und systematischer Akt, der von der zionistischen Führung in den Jahren 1947 bis 1949 durchgeführt wurde. Seine Forschungen, die auch auf den 1947 entworfenen „Plan Dalet“ hinweisen, lösten in Israel heftige Kontroversen aus.
Pappés Buch entlarvt den Gründungsmythos Israels als eine Lüge, insbesondere die Darstellung der Ereignisse um die Gründung Israels 1948 und die „Nakba“, die Vertreibung und Flucht von rund 750.000 Palästinensern. Die „New Historians“ nutzten freigegebene Regierungsdokumente, um bisher ungeklärte oder bewusst verdrängte Details der Staatsgründung offenzulegen. Diese Quellen waren weitgehend zugänglich, weil Israel – ähnlich wie Großbritannien – eine 30-Jahres-Regel für die Freigabe von außenpolitischen Dokumenten anwendete.
Wieder willentlich blind?
Pappé, einer der selten zu findenden Menschen, der intellektuelle Brillanz und moralische Courage in sich vereint, ging weiter als viele seiner Kollegen und sprach offen von Kriegsverbrechen und ethnischen Säuberungen. Er unterstützte auch den akademischen Boykott Israels und setzte sich für das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge ein – Positionen, die ihn in Israel zu einem Außenseiter machten.
2007 verließ Pappé Israel und zog nach Exeter, England, wo er heute das“ European Centre for Palestine Studies“ leitet. Er war gezwungen, Israel zu verlassen, nachdem er und seine Familie Morddrohungen erhielten. Es bleibt die Frage, warum ein Historiker, der wichtige, unbequeme Wahrheiten aufdeckt, in Deutschland nicht mehr Beachtung findet. Ilan Pappé sollte eine zentrale Figur im deutschen Diskurs über den Nahen Osten sein.
Plant Dalet
Was folgt, ist die unbequeme Wahrheit über die Vertreibung der Palästinenser. Es sind die Tatsachen, ohne die sich der Konflikt zwischen den Siedlern und der einheimischen Bevölkerung nicht verstehen lässt. Die Angreifer des 7.10.2023 sind die Kinder und Enkel derer, die 1948 aus ihren Städten und Dörfern vertrieben wurden und seit Jahrzehnten Insassen eines riesigen Gefängnislagers sind. Es ist die unbequeme Wahrheit, von der man in Deutschland nichts wissen will und die den jugendlichen Besuchern der propagandistischen Videoinstallation verschwiegen wird.
Die Palästinenser nennen es die „Nakba“, die Katastrophe; die Zionisten nannten es den Plan „Dalet“: „Die Befehle enthielten eine detaillierte Beschreibung der Methoden, die zur gewaltsamen Vertreibung der Menschen eingesetzt werden sollten: massive Einschüchterung, Belagerung und Beschuss von Dörfern und Ballungszentren, Inbrandsetzung von Häusern, Eigentum und Gütern, Vertreibung, Zerstörung und schließlich das Verlegen von Minen in den Trümmern, um zu verhindern, dass die vertriebenen Bewohner zurückkehren.“
„Nach der Entscheidung dauerte es sechs Monate, bis die Mission abgeschlossen war. Als sie vorbei war, war mehr als die Hälfte der einheimischen Bevölkerung Palästinas, fast 800.000 Menschen, entwurzelt worden, 531 Dörfer waren zerstört und elf Stadtviertel waren von ihren Bewohnern geräumt worden. Der am 10. März 1948 beschlossene Plan und vor allem seine systematische Umsetzung in den folgenden Monaten waren ein klarer Fall von ethnischer Säuberung, die heute nach internationalem Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt.“
„Als die zionistische Bewegung den Nationalstaat gründete, führte sie keinen Krieg, der „tragischerweise, aber unvermeidlich“ zur Vertreibung „eines Teils“ der einheimischen Bevölkerung führte, sondern umgekehrt: Das Hauptziel war die ethnische Säuberung ganz Palästinas, das die Bewegung für den neuen Staat begehrte.“
Vorgehen ohne Gnade
„Die Täter sind nicht unbekannt – es handelt sich um eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen: die Helden des jüdischen Unabhängigkeitskrieges, (deren Namen den meisten Lesern durchaus bekannt sein werden). Die Liste beginnt mit dem unbestrittenen Anführer der zionistischen Bewegung, David Ben Gurion, in dessen Privathaus alle frühen und späteren Kapitel der Geschichte der ethnischen Säuberung diskutiert und beschlossen wurden.“
Hier eine Beschreibung Pappés der Rolle, die die „Palmach“ während der ethnischen Säuberung gespielt hat: „Ein wichtiger Teil der militärischen Bemühungen der Zionisten war die Ausbildung eines Spezialkommandos, der „Palmach“, die 1941 gegründet wurden. Ursprünglich wurden sie geschaffen, um die britische Armee im Krieg gegen die Nazis zu unterstützen, falls diese Palästina erreichen sollten.
Bald richteten sich der Eifer und die Aktivitäten der „Palmach“ gegen die ländlichen Gebiete Palästinas. Ab 1944 war sie auch die wichtigste Pioniertruppe beim Bau neuer jüdischer Siedlungen. Vor ihrer Auflösung im Herbst 1948 waren ihre Mitglieder sehr aktiv und führten einige der größten Säuberungsaktionen im Norden und im Zentrum des Landes durch.
„Palmach“ Kommandeur und Volksheld Yigal Allon zeichnete sich durch besondere Bereitschaft zur Grausamkeit aus. Seine in Ben Gurions Tagebüchern festgehaltenen Äußerungen machen deutlich, dass der Wille zum Massenmord an Zivilisten schon lange vor dem 7.10.2023 präsent war:
„Es besteht jetzt die Notwendigkeit für eine harte und brutale Reaktion. Wir müssen präzise sein, im Bezug auf Zeit, Ort und die Personen, die wir angreifen. Wenn wir eine Familie beschuldigen, müssen wir ohne Gnade gegen sie vorgehen, auch Frauen und Kinder. Andernfalls es ist keine effektive Reaktion. Während der Operation besteht keine Notwendigkeit, zwischen Schuldigen und Unschuldigen zu unterscheiden.“

Palästina als Ganzes übernehmen
Auch die Instrumentalisierung des Holocausts durch die zionistische Führungselite hat Tradition: „In der Öffentlichkeit hantierten die Anführer der jüdischen Gemeinde mit Weltuntergangsszenarien und warnten die jüdische Bevölkerung vor einem unmittelbar bevorstehenden „zweiten Holocaust“. Im privaten Kreis verwendeten sie diesen Diskurs jedoch nie. Sie waren sich völlig darüber bewusst, dass die arabische Rhetorik in keiner Weise mit ernsthaften Vorbereitungen vor Ort einherging.“
Ein von Pappé zitierter Brief Ben Gurions lässt keinen Raum für Zweifel an der tatsächlichen Situation: „Wenn wir rechtzeitig die Waffen erhalten, die wir bereits gekauft haben, und vielleicht sogar einige der Waffen, die uns von den Vereinten Nationen versprochen wurden, werden wir nicht nur in der Lage sein, uns zu verteidigen, sondern auch den Syrern in ihrem eigenen Land den Todesstoß zu versetzen – und Palästina als Ganzes zu übernehmen. Daran habe ich keinen Zweifel. Wir können es mit allen arabischen Streitkräften aufnehmen. Das ist kein mystischer Glaube, sondern eine kalte und rationale Berechnung, die auf einer praktischen Untersuchung basiert.“
Schlüsselereignisse müssen geleugnet werden
In Israel ist die Leugnung oder Verdrängung der „Nakba“ weit verbreitet und wird als notwendig für die Aufrechterhaltung des nationalen Mythos betrachtet. Ilan Pappé ist der Ansicht, dass diese Verweigerung der historischen Realität nicht nur das palästinensische Leid ignoriert, sondern auch die Möglichkeit einer echten Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern untergräbt. Pappé ist Mitgründer und Vorsitzender der „Nakba Memorial Foundation“. Diese in England ansässige Stiftung hat sich die Bekämpfung der Verleugnung der „Nakba“ zum Ziel gesetzt.
Auf der Webseite der Stiftung lässt sich folgende Analyse der Nakba-Verleugnung finden: „Es ist gängige Praxis von Siedlerkolonialregimen, sich nicht nur durch die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung aus dem betreffenden Gebiet zu etablieren und diejenigen, die bleiben, zu unterwerfen , sondern auch die Erinnerungen und die historischen Erzählungen der einheimischen Bevölkerung zu eliminieren.
Die Geschichte muss die Geschichte der eintreffenden Herrscher sein. Es darf keine andere Erzählung überleben, die die vermeintliche Legitimität des Siedlerkolonialregimes in Frage stellen könnte. Schlüsselereignisse in der Geschichte, wie sie von den Einheimischen erlebt und in Erinnerung behalten wurden, müssen geleugnet werden.
Diese Praxis wurde in praktisch allen Gebieten angewandt, in denen sich Siedlerkolonialregime etablierten, von Amerika über Afrika bis Australien. Die historischen Erinnerungen und Perspektiven der lokalen Bevölkerung wurden geleugnet und in einigen Fällen wurden die Dokumente und kulturellen Relikte, die die lokalen Erzählungen stützten, zerstört. Dasselbe gilt für das israelische Siedlerkolonialregime, das sich in Palästina etablierte.“²⁰
Zug nach Jerusalem
Ich hole mein Gepäck von der Rezeption ab und mache mich auf den Weg zum „HaHagana“ Bahnhof im Süden Tel Avivs, um den Zug nach Jerusalem zu nehmen. Der Stolz auf die gewaltsame Geschichte der Gründung des Landes ist in Israel omnipräsent, der Bahnhof trägt den Namen der zionistischen Miliz, aus der die israelische Armee entstanden ist und zu der auch das „Palmach“ Sonderkommando gehörte.
Zwei junge Männer in Zivil warten gemeinsam mit mir auf den Zug, ihre alten M16s lässig über der Schulter tragend. Zu diesem Zeitpunkt überrascht mich der Anblick der Gewehre, später wird mir klar, dass Schusswaffen in Israel omnipräsent sind.
Die beiden wirken, als hielten sie sich für harte Kerle, coole Krieger. Ich empfinde ihr Gehabe als abstoßend, besonders wenn ich an das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza denke. Die „IDF“, die „Israeli Defense Force“, verlässt sich vor allem auf ihre Luftwaffe und ihre technologische Überlegenheit. Die israelische Luftwaffe macht keine Unterschiede zwischen „Schuldigen und Unschuldigen“ und zerstört gezielt aus der Luft Wohnhäuser, Krankenhäuser und Schulen mit 900 Kilo Bomben.
Anfangs haben sich die „Hasbara“ Spezialisten, die Propagandisten der „IDF“, noch die Mühe gemacht, eine Videoanimation von einem angeblichen „Hamas“ Kommandozentrum unter dem „Al Shifa“ Krankenhaus zu produzieren. Mittlerweile greifen sie nach Belieben Krankenhäuser, Schulen und Zeltlager an und behaupten einfach, es befänden sich dort Terroristen.
Keine Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten
Die renommierte italienische Juristin Francesca Albanese, seit 2022 UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas, fasst das Vorgehen der „IDF“ in ihrem Bericht „Anatomie eines Völkermordes“ so zusammen: „Ein Kernmerkmal des Verhaltens Israels seit dem 7. Oktober ist die Intensivierung seiner „Entzivilisierung“ der Palästinenser, einer geschützten Gruppe im Rahmen der Konvention. Israel hat die Terminologie des humanitären Völkerrechts verwendet, um seinen systematischen Einsatz tödlicher Gewalt gegen palästinensische Zivilisten als Gruppe und die weitgehende Zerstörung lebenserhaltender Infrastrukturen zu rechtfertigen.
Israel hat dies getan, indem es Konzepte des humanitären Völkerrechts wie menschliche Schutzschilde, Kollateralschäden, Sicherheitszonen, Evakuierungen und medizinischen Schutz so freizügig verwendet hat, dass diese Konzepte ihres normativen Inhalts beraubt wurden, ihr Schutzzweck untergraben wurde und letztendlich die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten bei israelischen Aktionen in Gaza ausgehöhlt wurde.“ ²¹

Das Vorgehen der „IDF“ ist derart extrem in seiner Grausamkeit, dass Alan Shebaro, ein hochdekorierter Veteran der amerikanischen „Special Forces“, so angewidert war, dass er sich verpflichtet fühlte, während einer Stadtratssitzung in McKinney, Texas, mit seinem moralischen Ekel an die Öffentlichkeit zu gehen. Shebaro fasste in der Rede vor dem Stadtrat seine Laufbahn bei den „Green Berets“ knapp zusammen und kam danach zum Punkt: „Ich weiß, was Krieg ist. Was in Gaza stattfindet, ist kein Krieg.“
Es war der Abend, an dem die USA das dritte Mal mit einem Veto im UN Sicherheitsrat einen Waffenstillstand in Gaza verhindert haben. Der Videoclip seiner kurzen Rede hat sich in den USA viral verbreitet, in Deutschland wurde meines Wissens gar nicht darüber berichtet.²²
Die Übermittlung einer nationalistischen Einstellung
Die beiden jungen Männer mit den M16s sind nur ein paar Jahre älter als die Teenager, mit denen ich gerade die propagandistische Videoinstallation besucht habe. Sie sind aufgewachsen in einem Land, dessen Führungselite die Bevölkerung seit seiner Gründung manipuliert. Das Fundament für das zionistische Propagandagebäude wurde durch das Verleugnen der ethnischen Säuberung bei der Gründung Israels gelegt.
Mittlerweile beginnt die Indoktrinierung schon im Kindergarten und die Zeit in der Armee dient dazu, das theoretisch gelernte in die Tat umzusetzen.
Für sein nur auf Englisch verfügbares Buch „Goliath“ hat der amerikanische Journalist Max Blumenthal beispielsweise Nurit Peled-Elhanan interviewt, die zum damaligen Zeitpunkt als Professorin für Komparatistik an der Hebräischen Universität Jerusalem arbeitete. Peled-Elhanan hatte 2012 in Europa und den USA eine Studie zu israelischen Schulbüchern veröffentlicht. Die Studie umfasste siebzehn Schulbücher zu den Themen Geschichte, Geographie und Zivilkunde; auf Hebräisch ist die Arbeit nie herausgekommen.
Die Ergebnisse verweisen auf aus dem „Eretz Israel“ und dem „Palmach“ Museum bekannte Muster: In keinem der Schulbücher fanden Palästinenser oder ihre Kultur eine positive Erwähnung. Die Palästinenser werden ignoriert oder als Terroristen, Flüchtlinge und primitive Bauern dargestellt. Israelische Schulbücher dienen als Medien der Übermittlung einer nationalistischen Einstellung, durch explizite und implizite Botschaften.
Die Erziehung zum guten Soldaten
„Das ist ein klarer Sozialisierungsprozess. Der Staat sorgt für die Durchsetzung einer Sichtweise, eines Narrativs, das alle anderen möglichen Darstellungen ausschließt und verdrängt. Auf diese Weise schafft der Staat eine Situation, in der palästinensisches Leben entbehrlich ist und straffrei beendet werden kann. Das Ziel ist, gute Soldaten zu erziehen“, erklärt Peled-Elhanan im Interview.
Blumenthal hat für die Recherche zu seinem 2013 erschienen Buch monatelang in Israel gelebt. Wer sein Buch liest, gewinnt den Eindruck, dass der Völkermord in Gaza absehbar war. Es ist nicht überraschend, dass der aus den USA stammende Diaspora Jude Blumenthal von der zionistischen Propaganda als „selbsthassender Jude“ verunglimpft wird.
Die Wissenschaftlerin Peled-Elhanan, die ihre Tochter durch ein Selbstmordattentat eines Palästinensers verloren hat, ist mittlerweile nicht mehr Professorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Sie wurde 2024 entlassen und der Terrorunterstützung angeklagt, weil sie während einer Konversation in einer WhatsApp Gruppe den Beitrag eines Kollegen, der die Hamas mit den Nationalsozialisten gleichsetzte, mit einem Jean Paul Sarte Zitat kommentierte.²³
Jede Beschuldigung ist ein Geständnis
Es steht außer Frage, dass der Dienst bei der „IDF“ ein zentraler Baustein der Indoktrinierung ist und die Reservisten zu Komplizen macht. Das mag mit ein Grund sein, warum der soziale Zusammenhalt in Israel so hoch ist: Gemeinsam ethische Grenzen zu überschreiten verbindet. Der Vergleich mit der Indoktrination der Bevölkerung durch die Nationalsozialisten drängt sich hier auf, allerdings mit dem Unterschied, dass die NSDAP nur zwölf Jahre an der Macht war, während die zionistische Indoktrinierung schon seit mehreren Jahrzehnten stattfindet.
Dass die Palästinenser ihre Kinder Hass und Antisemitismus lehren ist einer der „talking points“ der Israelis, so versuchen sie ihren Massenmord in Gaza zu rechtfertigen. „Jede Beschuldigung ist ein Geständnis“ ist ein Satz, den man häufig hört, wenn um den Zionismus geht und der auch hier zutrifft.
Wer sich mit der Geschichte der Palästinenser befasst, wundert sich eher darüber, wie gemäßigt und kompromissbereit viele von ihnen lange waren, obwohl sie schon so viel haben ertragen müssen. Selbst die Hamas stellt in ihrem revidierten Grundsatzprogramm von 2017 klar, dass ihr Widerstand dem zionistischen Kolonialprojekt gilt und sich nicht gegen das Judentum richtet:
„Die Hamas bekräftigt, dass ihr Konflikt mit dem zionistischen Projekt und nicht mit den Juden aufgrund ihrer Religion besteht. Die Hamas führt keinen Kampf gegen die Juden, weil sie Juden sind, sondern einen Kampf gegen die Zionisten, die Palästina besetzen. Es sind jedoch die Zionisten, die das Judentum und die Juden ständig mit ihrem eigenen Kolonialprojekt und ihrem illegalen Gebilde gleichsetzen.²⁴
Damit ist nicht gesagt, dass die Hamas oder die Palästinenser frei von Antisemitismus seien; aber Antisemitismus ist nicht der Beweggrund für den bewaffneten Kampf. Den Hass auf die Kolonialmacht Israel müssen die Eltern ihre Kinder nicht lehren. Das besorgen die Israelis schon selbst, indem sie die Palästinenser als Menschen zweiter Klassen behandeln, sie enteignen, zu Tausenden ermorden und in Gefängnissen foltern.
Illan Pappé beschreibt die Haltung der Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung vor der „Nakba“ so: „Im Laufe der Jahrhunderte war das Land von einer Hand in die andere übergegangen und gehörte mal europäischen, mal asiatischen Invasoren und war lange Teil eines muslimischen Großreiches. Das Leben der Menschen hatte sich jedoch kaum verändert: Sie bearbeiteten das Land oder betrieben Handel, wo auch immer sie sich befanden, und fügten sich schnell in die neue Situation, bis sie sich erneut änderte.
Daher warteten Dorf- und Stadtbewohner gleichermaßen geduldig ab, was es bedeuten würde, Teil eines jüdischen Staates oder eines anderen neuen Regimes zu sein, das die britische Herrschaft ablösen könnte. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, was auf sie zukam, und dass das, was bald geschehen würde, ein beispielloses Kapitel in der Geschichte Palästinas darstellen sollte: nicht nur ein Übergang von einem Herrscher zum anderen, sondern die tatsächliche Enteignung der auf dem Land lebenden Menschen.“
Die Herberge syrischer Christen
Die Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem dauert eine knappe Stunde. Jerusalem, auf Arabisch „Al-Quds“, ist der Ort der Klagemauer, der Grabeskirche und der „Al-Aqsa-Moschee“, der drittheiligsten Stätte des Islam. Überall im Jerusalemer Bahnhof hängt die israelische Flagge. Ich habe ein Zimmer in einem christlichen Hostel in Ost-Jerusalem gebucht und die Adresse vorsichtshalber ausgedruckt.
Ich zeige die Adresse einigen Taxifahrern, aber zu meiner Überraschung sind sie abweisend und behaupten, die Adresse nicht zu kennen. Erst Tamir, ein palästinensischer Taxifahrer kennt die Adresse und ist bereit mich zu fahren. Ich schätze Tamir auf Ende 20. Er trägt eine Gel-Tolle im Stil der 80er und ein Guess T-Shirt. Er spricht fließend Englisch und ich frage ihn, wie es möglich sei, dass die anderen Taxifahrer die Adresse nicht kannten.
Er vermutet, dass die anderen Taxifahrer jüdische Israelis gewesen seien und ungern in das von Palästinensern bewohnte Ost-Jerusalem führen. Tamir ist höflich, aber zurückhaltend. Ich versuche, das Gespräch im Gang zu halten, weil ich jemanden suche, der mich ins Westjordanland fährt.
Gute Lage
Betlehem scheint mir ein unverfängliches Ziel zu sein, das sich den Soldaten an den gefürchteten Checkpoints gut erklären lässt. Erst als wir über Gaza sprechen und ich meinem Entsetzen über den Massenmord an der Bevölkerung Ausdruck gebe, taut Tamir auf. Er war offensichtlich davon ausgegangen, dass ich als Deutscher stramm an der Seite Israels stünde.
Tamir erklärt sich bereit, mich nach Betlehem zu fahren. Ein paar Minuten später kommen wir bei meinem Hostel an und tauschen Telefonnummern aus. Das „St Thomas Home’s Guesthouse“ liegt in einer schmalen Seitenstraße der Nablus Road, nur 600 Meter vom Damaskustor und der Jerusalemer Altstadt entfernt. Das einfache Hotel wurde ursprünglich für christliche Pilger aus Syrien gegründet, im Erdgeschoss befindet sich eine syrisch orthodoxe Kapelle.
Die Kapelle ist ein schlicht gehaltener Raum mit niedrigen, runden Bögen und einer schmucklosen Steinwand. Vor diesem Hintergrund kommen die mit Rot, Gold und Grüntonen bemalten Ikonen noch mehr zum Vorschein. Auffallend sind die flachen Perspektiven und die länglichen, feierlichen Gesichter der Heiligen.
Ich bin zu früh, mein Zimmer ist noch nicht bereit. Ich deponiere mein Gepäck und nutze die Zeit, um die Nachbarschaft zu erkunden. Ich hatte mir die Lage des Hotels vorher nicht genau auf der Karte angeschaut, ich hatte nur gesehen, dass es sich in der Nähe der Altstadt befand. Während ich langsam die Nablus Road heruntergehe, vorbei an palästinensischen Fast Food und Süßigkeitständen, wird mir klar, dass die Lage des Hostels nicht idealer sein könnte: Nach kaum zehn Minuten stehe ich vor den Treppen, die hinunter zum Damaskustor führen.
Das Damaskustor, auf Arabisch „Bab el-Amoud“, ist das größte und eindrucksvollste der sieben offenen Tore der Jerusalemer Altstadt und wird hauptsächlich von Palästinensern und Touristen genutzt. Um die 12 Meter hohen Mauern des Tores herum befindet sich ein großes, halbkreisförmiges Amphitheater, in dem sich früher Palästinenser versammelten, um mit Freunden und Familie zusammenzusitzen und Kaffee zu trinken.

Das Ziel ist stille Vertreibung
Am Kopf der Treppe und am Toreingang befinden sich befestigte Checkpoints der israelischen Armee. Ost-Jerusalem ist annektiertes und besetztes Gebiet, auch wenn sich in dem Moment nur wenige Soldaten in dem großen, überdachten Checkpoint befinden. Nach Ende des Krieges von 1948 wurde die Stadt in einen jüdisch besiedelten Westen und einen arabisch besiedelten Osten unter jordanischer Herrschaft geteilt.
Der renommierte palästinensische Journalist Khalil Assali beschreibt in einem Artikel für den Blog „Jerusalem Story“ was danach geschah: „Israel besetzte Ostjerusalem im Juni 1967 und entriss Jordanien die Kontrolle. In der Folgezeit taten die israelischen Behörden alles, um das Leben auf der Ostseite Jerusalems zu ersticken, doch es blieb ein Handelszentrum und das Herz Palästinas. Das „Musrara“ Viertel war das Handels- und Transportzentrum, das den nördlichen und den südlichen Teil des Westjordanlands mit dem Gazastreifen verband. Jerusalem behielt seine Rolle als kulturelles Zentrum durch seine Zeitungen, Zeitschriften, Gewerkschaften und Verbände.
Aber auch dies endete nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge und der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde Mitte der 90er Jahre. Für die Einwohner Jerusalems waren die Osloer Verträge eine Katastrophe. Das Oslo-Abkommen hat zur Trennung Ost-Jerusalems vom Rest der besetzten palästinensischen Gebiete geführt, ohne es in die Wirtschaft des westlichen Teils der Stadt zu integrieren.
Die israelische Politik konzentrierte sich darauf, die palästinensischen Teile Jerusalems zu annektieren und die israelische Souveränität über sie zu verhängen, ohne jedoch die palästinensischen Einwohner zu integrieren. Ziel der israelischen Politik ist die Zahl der palästinensischen Bewohner durch stille Vertreibung so weit wie möglich zu reduzieren.“ ²⁵
Gelöbnis vor der Klagemauer
Die Soldaten ignorieren mich und ich gehe die Treppen hinunter zum Tor. Dass Amphitheater ist menschenleer, später lese ich, dass die Besatzer den Einheimischen verboten haben, sich dort zu versammeln.
Ich durchquere das Damaskustor und gehe ziellos weiter geradeaus über das Kopfsteinpflaster der gewundenen Straße, vorbei an Ständen und Geschäften, die Handyhüllen, Socken, Rucksäcke, T-Shirts, Spielzeug, Weihrauch, Früchte, Kebab und Süßigkeiten verkaufen. Die Straßen der Altstadt von Jerusalem sind eng und verwinkelt, der Steinboden ist glatt poliert von jahrhundertelanger Nutzung.
In der Gasse reihen sich die Geschäfte aneinander, die Ladeninhaber stehen wartend davor, es fehlen die Kunden. Einige sprechen mich an und ich lasse mich zum Kauf einer Packung besonders langer Weihrauchräucherstäbchen überreden. Zwischendurch stehen immer wieder israelische Soldaten beider Geschlechter hinter Metallabsperrungen, alle wirken sehr jung, können kaum älter als 20 sein. Einige haben ihre M16s lässig im Anschlag, oder mit der Mündung auf der Metallabsperrung vor ihnen liegen.
Eine doppelte Premiere: Es ist das erste Mal, dass ich mich in einem besetzten Gebiet befinde und das erste Mal, dass jemand eine scharfe Schusswaffe auf mich richtet. Nach etwa einer Viertelstunde gelange ich zu einem Tunnel, an dessen Eingang sich eine Sicherheitskontrolle mit Metalldetektoren befindet. Ich passiere die Sicherheitskontrolle und gelange zu einem riesigen Platz voller Soldaten.
Es dauert einen Moment bevor mir klar wird, dass ich am großem Platz vor der Klagemauer angekommen bin und hier gerade ein Gelöbnis israelischer Rekruten stattgefunden hat.
Die goldene Kuppel des Felsendoms thront über der aus riesigen Quadern errichteten zweitausend Jahre alten Mauer. Es ist ein beeindruckendes Szenario für eine beklemmende Szene. Überall stehen Tische, auf denen automatische Gewehre neben Bibeln liegen. Die Stimmung erinnert an den entspannten Beginn einer Jugendreise: Teenager stehen in Grüppchen herum, unterhalten sich, flirten, telefonieren oder ziehen sich einen Döner rein. Stolze Eltern schießen Fotos mit ihren Kindern in Uniform. Die gute Laune ist kaum zu ertragen.


Die ganze Szene, ganz besonders die Bibel, die jeder Rekrut mit seinem Gewehr erhält, ist eine Inszenierung, ein Werbeclip, der nichts mit der Wahrung einer Tradition zu tun hat. Selbst der Zeremonienplatz vor der Klagemauer, der „Western Wall“, ist kein uralter Versammlungsort, sondern wurde 1967, nach der israelischen Besetzung Jerusalems, durch den Abriss eines Stadtviertels geschaffen.
Der Zionismus ist ein Kind der Moderne, des Zeitalters des Spektakels. Der Hakka-Tanz der „All Blacks“, der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft, ist authentischer als dieses pseudoreligiöse Gelöbnis vor der Klagemauer. Hier wird ein religiöser Text zur Rechtfertigung eines nationalistischen Mythos missbraucht. Die Armee ist gleichzeitig Garant israelischer Sicherheit, Erziehungsanstalt der Nation und das Symbol des Staates nach innen und außen.
Die sorgfältige Inszenierung, die Ästhetik spielt eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung des nationalen Mythos. Der palästinensische Intellektuelle Abdaljawad Omar schreibt: „Die choreografierten Bewegungen von Soldaten und gepanzerten Fahrzeugen, die nahtlos eingebundene Technologie, der von den Streitkräften gezeigte Mut, die Fähigkeit, seine Macht durch seine ästhetische Wirkung und Leistung zu demonstrieren, die Ermordung palästinensischer Führer und Aktivisten, die verdeckten Operationen von Undercover-Einheiten in den labyrinthartigen Räumen von Flüchtlingslagern und dicht besiedelten Stadtgebieten, all die großen militärischen Einsätze gegen arabische Armeen, die in spektakulären Siegen gipfelten, dienen nicht nur der Demonstration von Dominanz, sondern eröffnen auch einen narrativen Raum, in dem sich die Identität des Staates definiert.“ ²⁶
Es wäre allerdings zu kurz gedacht, die breite Akzeptanz des Militarismus in der israelischen Bevölkerung allein auf Ästhetik und die zionistische Idealisierung von Macht und Gewalt zurückzuführen. Auch wenn diese Faktoren sicher von Bedeutung sind, ist der Appell an Ideale wie Pflicht und Selbstaufopferung von noch größerer Bedeutung.
Shapiro beschreibt das Indoktrinationsmantra israelischer Rekruten so: “Israelische Soldaten sind nicht einfach Soldaten. Sie sind hyper-nationalisierte Erlöser des uralten Volkes der Bibel, zu jederzeit das Einzige was zwischen der jüdischen Rasse und den Öfen Hitlers steht, das Einzige was zwischen der jüdischen Rasse und ärmlichen, verächtlichen Leben steht, das sie ertragen musste, bevor Israel und die „IDF“ geschaffen wurden.“
Der Rabbiner aus New York stellt auch klar, wie das Judentum, im Gegensatz zum Zionismus, zum Thema steht: „Krieg und Krieger zu segnen wird vom Judentum streng verurteilt.“ Gläubige Juden wie Shapiro lehnen Nationalismus als eine Form von Götzenverehrung ab.
Unerträglich gut gelaunt
Es ist schlimm genug, sich die Waffen von einem Gott segnen zu lassen, an den man tatsächlich glaubt. Die bewusste, zynische Manipulation religiöser Symbole ist noch abstoßender. Es lohnt sich, diesen wichtigen Punkt zu wiederholen: Der Zionismus ist seinem Ursprung nach eine atheistische, religionsfeindliche Ideologie, ähnlich wie der Marxismus, mit dem er anfangs viele Berührungspunkte hatte.
Alle zionistischen Helden und Vordenker waren Atheisten, sowie auch Benjamin Netanjahu einer ist. Israels erster Premierminister und Mastermind der „Nakba“, David Ben-Gurion, war beispielsweise der Ansicht, dass Sozialismus und Zionismus zwei Seiten derselben ideologischen Medaille seien. Er war ein Bewunderer Lenins und der kommunistischen Machtübernahme in Russland. Er schwärmte von „der großen Revolution, der ursprünglichen Umwälzung, die die gegenwärtige Realität entwurzeln und diese verrottete, dekadente Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern würde.“ ²⁷
Ben Gurion schreibt in seinen Erinnerungen: „Da ich mich so oft auf die Thora berufe, möchte ich sagen, dass ich persönlich nicht an den Gott glaube, den sie postuliert. Ich meine, dass ich mich nicht „an Gott wenden“ oder zu einem übermenschlichen, allmächtigen Wesen beten kann, das im Himmel lebt… Ich bin nicht religiös, und die meisten der frühen Erbauer des modernen Israel waren auch nicht gläubig.“
Ich nehme das Handy heraus und fange an zu fotografieren. Ich bin nicht der Einzige, der das tut, ich sehe nicht aus wie ein Palästinenser, falle deshalb nicht weiter auf und niemand stört sich daran von mir fotografiert zu werden. Wir sind unter uns. Während ich die Bilder aufnehme, frage ich mich, wo diese Rekruten wohl ihren Dienst verrichten werden.

Sie werden nicht die F 35 und F16 Jets pilotieren, die Tausende von den USA gelieferte 900 Kilo Bomben über dem Gazastreifen abwerfen. Werden sie Teil der Besatzungen der Merkava-Panzer sein, die gegen Wohnhäuser eingesetzt werden? Werden sie lernen die bewaffneten Quadcopter-Drohnen zu steuern, mit denen die „IDF“ täglich Zivilisten aus sicherer Entfernung ermordet? Werden sie lernen, die Häuser von denen zu sprengen, die sie vorher mit Bombenterror vertrieben haben?
Wie kommt es zu dieser unerträglich guten Laune? Es ist offensichtlich, dass das „Propaganda-Phantasialand“ ganze Arbeit geleistet hat und die meisten von ihnen die Palästinenser nicht als gleichwertige Menschen betrachten. Damit ist die natürliche Hemmung, die Menschen üblicherweise gegen die Tötung ihrer eigenen Art verspüren, schon entscheidend gesenkt.
I want to kill more
Ich denke an ein Video, das vor meiner Abreise im Internet die Runde gemacht hat: Eine junge israelische Reservistin, sie könnte leicht eine von denen sein, die hier vor mir stehen, prahlt damit, zwei Palästinenser erschossen zu haben und ist beleidigt, als der Gesprächspartner ihr nicht glaubt. Sie macht mit der Hand eine Pistole, im Stil eines Hip-Hop Videos und sagt: „I want to kill more.“
Wie viele von diesen 18 und 19jährigen werden gebrochen und traumatisiert zurückkommen, gebrochen und traumatisiert von dem, was sie gesehen und was sie getan haben? Wie viele sind durch den hermetischen Kult des Zionismus immun gegen normale menschliche Regungen? In Israel gibt es neues Genre der Popmusik: „Genocide Hip-Hop“, ein Beitrag der „Start-Up Nation“ zur Musikgeschichte.²⁸

Wie viele von ihnen werden in ihren Panzern verbrennen, wenn es dem Widerstand in Gaza zwischendurch gelingt, nah genug heranzukommen um mit seinen primitiven Waffen das High-Tech „Trophy“ Schutzsystem der israelischen Panzer zu unterlaufen?
Wie wirkt sich die Teilnahme an einem Massenmord an Zivilisten langfristig auf die Psyche aus? Verheerend, wenn man sich die Selbstmordraten von Veteranen des Überfalls auf den Irak in den USA anschaut. „Breaking the Silence“, eine Organisation israelischer Veteranen, die sich gegen die Besatzung ausspricht, zeigt, dass selbst lebenslange Manipulation durch dehumanisierende Propaganda den Kontakt mit dem Feind nicht immer überlebt.
Der „Breaking the Silence“ Bericht „This is How We Fought in Gaza 2014“ beispielsweise versammelt Zeugnisse israelischer Soldaten, die an der Operation „Protective Edge“ teilnahmen. Die Aussagen beschreiben Taktiken, die zu massiven zivilen Verlusten und Zerstörungen ganzer Häuserblocks führten. ²⁹
Die Hannibal-Direktive
Die Soldaten schildern eine Einsatzdoktrin, die den Einsatz massiver Feuerkraft in dicht besiedelten Gebieten vorsieht. Es sind die gleichen Taktiken, die die „IDF“ während des Genozids verwendet. Besonders die Anwendung der sogenannten „Hannibal-Direktive“ ist eine interessante Parallele.
Die Hannibal-Direktive ist nach dem karthagischen General aus der Antike benannt, der sich lieber selbst vergiftete, als sich lebend vom Römischen Reich gefangen nehmen zu lassen. Der Befehl zielt darauf ab, Israelis davor zu bewahren, vom Feind gefangen genommen zu werden, der sie sonst später als Druckmittel bei Gefangenenaustauschverhandlungen einsetzen könnte.
Diese Direktive erlaubt den Einsatz extremer Gewalt und nimmt den Tod von israelischen Soldaten und Zivilisten in Kauf. Laut Berichten in verschiedenen israelischen Zeitungen wurde die Hannibal-Direktive während der Angriffe am 7. Oktober angewendet.
Mit Hellfire-Raketen bewaffnete Apache-Kampfhubschrauber der israelischen Luftwaffe beschossen Autos, in dem sich Hamas-Kämpfer und israelische Geiseln befanden. Die Hellfire-Rakete ist eine mächtige Waffe. Eine einzige Rakete kann einen schweren Kampfpanzer zerstören – eine Leistung, die vergleichbar ist mit der Energie eines schweren Industrieladungssprengsatzes. Die schwersten Waffen der Hamas-Kämpfer am 7.10. waren Handgranaten und „RPGs“, Hand-Panzerabwehr-Granatwerfer sowjetischer Bauart.

Am 7. Oktober um 12 Uhr mittags befahl die oberste Militärführung Israels allen Einheiten, die Gefangennahme israelischer Bürger „um jeden Preis“ zu verhindern. Das Militär „wies alle Kampfeinheiten an, die Hannibal-Direktive in der Praxis umzusetzen, ohne diesen Namen jedoch ausdrücklich zu nennen“, wie die israelischen Journalisten enthüllten.
Die Informationen stammen aus einem investigativen Artikel von Ronen Bergman und Yoav Zitun, zwei Journalisten mit umfangreichen Quellen innerhalb des israelischen Militär- und Geheimdienstapparats. Sie enthüllten auch, dass israelischen Kampfhubschrauber, Drohnen und Panzer etwa 70 von palästinensischen Kämpfern gefahrene Autos zerstörten.³⁰
Es ist bemerkenswert, dass diese Informationen in Israel verfügbar sind. Es ist bekannt, dass das Interesse der Nation, des Kollektivs, über alles geht und Individuen geopfert werden. Viele Israelis akzeptieren das, sie glauben fest an die Geschichte, die ihnen ein Leben lang eingetrichtert wurde: Israel und der Zionismus sind die Rettung der Juden. Nur ein starkes Israel und die „IDF“ stehen zwischen ihnen und einem zweiten Holocaust; Shapiro nennt es die zionistische Holocaustreligion.
Die Bereitschaft der zionistischen Führung, Individuen auf dem Altar des nationalistischen Projekts zu opfern, bestand von Anfang an und lässt sich nicht allein aus dem Holocaust erklären. Trotzdem ist es ein Fanatismus, der sich wohl am besten aus der Erfahrung der Erniedrigung und Schwäche im Angesicht der Pogrome in Osteuropa und dem Hass auf das traditionelle, gewaltablehnende Judentum verstehen lässt. Einer der vielen Literaten unter den frühen Zionisten hat das Credo vom neuen, vom eisernen, sich für die Nation opfernden Menschen in Versform gebracht:
„Eisen, aus dem alles hergestellt wird, was die nationale Maschine benötigt. Benötigt sie ein Rad? Hier bin ich. Einen Nagel, eine Schraube, einen Träger? Hier bin ich. Polizei? Ärzte? Schauspieler? Wasserträger? Hier bin ich. Ich habe keine Eigenschaften, keine Gefühle, keine Psychologie, keinen eigenen Namen. Ich bin ein Diener Zions, auf alles vorbereitet, an nichts gebunden, mit einem einzigen Gebot: Bauen!“
Genocide Summer Camp
Die Veranstaltung vor der Klagemauer beginnt sich aufzulösen. Ich habe genug gesehen und mache mich auf den Rückweg zum Hotel. Auf dem schmalen Bett des Zimmers liegend, schreibe ich eine Mail an die Redaktion des unabhängigen englischsprachigen Nachrichtenmagazins „Electronic Intifada“ (EI).
Ich beschreibe die Szene vor der Klagemauer, hänge einige der Fotografien an und biete an, einen Text über die groteske Inszenierung, das „Genocide Summer Camp“ zu schreiben. Dieses Angebot werde ich ein paar Tage später bereuen, aber zu diesem Zeitpunkt weiß noch nicht, dass der israelische Sicherheitsdienst Touristen nicht nur von der Ein-, sondern auch vor der Abreise verhört.
Der von vier Journalisten moderierte wöchentliche „Livestream“ von „EI“ ist eine der besten Informationsquellen über das Jahrhundertverbrechen im Gaza Streifen. In Deutschland wird „EI“ fälschlicherweise als antisemitisch eingestuft. „EI“ unterstützt das Recht der Palästinenser auf bewaffneten Widerstand gegen Kolonisierung und Besetzung. Damit befindet sich die Redaktion des Magazins in Übereinstimmung mit internationalem Recht; gemäß internationalem Recht dürfen Staaten keine Gewalt gegen die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts anwenden.
Diejenigen, die Selbstbestimmung anstreben, haben das Recht militärische Gewalt anzuwenden, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, ihre Ziele zu erreichen. Ich habe mehr als 100 Stunden ihrer Berichterstattung gesehen und keinen Anhaltspunkt für eine antisemitische Haltung bei „EI“ gefunden. Im Gegenteil, prominente israelische Dissidenten wie der schon erwähnte Historiker Illan Pappé und der Ökonom Shir Hever sind regelmäßig bei „EI“ zu Gast.
Annalena Baerbocks Verhältnis zur Wahrheit
Eine „EI“ Story, die für Deutschland von besonderem Interesse ist: die Verbreitung von Gräuelpropaganda durch die deutsche Außenministerin. Der Artikel zeigt, wie Lügen über Gräueltaten genutzt werden, um Deutschlands Unterstützung für Israels Vorgehen im Gazastreifen zu rechtfertigen.
Am 26. Mai 2024 behauptete Ministerin Baerbock, während eines Besuchs in Israel ein Video gesehen zu haben, das von Hamas-Kämpfern am 7. Oktober 2023 aufgenommen worden sei und die Vergewaltigung einer israelischen Frau zeige. Diese Aussage wurde jedoch von israelischen Medien und einem UN-Team widerlegt, die bestätigten, dass kein solches Video existiert.
Die Anschuldigungen über Massenvergewaltigungen durch Hamas-Kämpfer am 7. Oktober 2023 war die Gräuelgeschichte, die auf die 40 enthaupteten Babys folgte. Die Geschichte von den 40 enthaupteten Babys wurde schon Tage nach ihrer ersten Veröffentlichung als Lüge entlarvt und ist mittlerweile weniger häufig zu hören.
Die Behauptung, die Hamas Guerillas hätten während ihrer unter extremen Zeitdruck ausgeführten Kommandoaktion systematisch Frauen vergewaltigt, ist ebenfalls unzutreffend, aber diese Geschichte hat sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt. Ein im Juni 2024 veröffentlichter UN Bericht kam zu dem Ergebnis, dass keine belastbaren Beweise für Vergewaltigungen vorliegen. Hier der relevante Absatz des Berichts:
„In Bezug auf Vergewaltigungen hat die Kommission öffentlich zugängliche Berichte gesehen, in denen behauptet wird, dass israelische Zivilisten am 7. Oktober an verschiedenen Orten im Süden Israels Opfer von Vergewaltigungen und anderen Formen sexueller Gewalt wurden. Die Kommission hat Zeugenaussagen von Journalisten und der israelischen Polizei zu Vergewaltigungen geprüft, konnte diese Vorwürfe jedoch nicht unabhängig verifizieren, da sie keinen Zugang zu Opfern, Zeugen und Tatorten hatte und ihre Untersuchungen von den israelischen Behörden behindert wurden.
Die Kommission konnte die unbearbeitete Version solcher Zeugenaussagen nicht überprüfen. Aus denselben Gründen war die Kommission auch nicht in der Lage, Berichte über sexualisierte Folter und Genitalverstümmelung zu verifizieren. Darüber hinaus stellte die Kommission fest, dass einige spezifische Anschuldigungen falsch, ungenau oder im Widerspruch zu anderen Beweisen oder Aussagen standen, und schloss diese aus ihrer Bewertung aus. ³¹
Damit ist nicht gesagt, dass am 7.10.2023 keine Frauen misshandelt wurden oder dass nicht viele unbeteiligte Zivilisten ermordet wurden. Die Terroristen haben wahllos Zivilisten ermordet, daran lässt der gerade zitierte UN Bericht keinen Zweifel. Besonders auf dem „Nova“ Festival haben sich grauenerregende Szenen abgespielt:
“Gegen 8:00 Uhr erreichten palästinensische Kämpfer das Hauptgelände und begannen, auf fliehende und sich versteckende Festivalbesucher zu schießen. Palästinensische Kämpfer hielten das Festivalgelände im Wesentlichen bis mindestens 12:30 Uhr unter ihrer Kontrolle und schossen nach Belieben um sich. Überlebende, die zu Fuß über offene Felder in östlicher Richtung flohen, beschrieben die Erfahrung als „wie Enten schießen“ und „die Täter fuhren mit Motorrädern und Golfwagen über das Feld und schossen auf die fliehenden Festivalbesucher.“ ³²
Social Media Propaganda Kampagnen
Das gegeneinander Aufwiegen von grauenhaften Gewalttaten ist für den Versuch, die Ursachen des Problems zu verstehen, nicht hilfreich. Gesetzt den Fall, die von der israelischen Propaganda erfundenen Vergewaltigungen wären tatsächlich geschehen, wären sie eine Rechtfertigung für die Kollektivbestrafung der Zivilbevölkerung in Gaza? Würde die systematische Anwendung sexueller Gewalt durch die Hamas etwas an der Tatsache ändern, dass Israel eine Siedlerkolonie ist, die erst durch eine ethnische Säuberung entstehen konnte?
Relevant ist in Bezug auf die Gräuelpropaganda von den Massenvergewaltigungen die Beobachtung, wie effektiv, zynisch und gleichzeitig leichtsinnig die israelische Propaganda mittlerweile ist. Wie der UN-Bericht zeigt, töteten palästinensische Angreifer am siebten Oktober brutal und wahllos unbeteiligte Zivilisten. Diese Tatsache nutzten die israelischen Propagandisten für eine großangelegte Kommunikationskampagne. So wollten sie sicherstellen, dass die Weltöffentlichkeit auch nach dem Beginn des Gemetzels im Gazastreifen nicht von Israels Seite wich:
„Unmittelbar nach dem 7. Oktober startete Israel eine massive Werbekampagne, um die Schrecken des Hamas-Massakers zu verdeutlichen. Eine Untersuchung der Beweise ergab, dass Israel in den ersten zehn Tagen die sozialen Medien mit mindestens 70 Anzeigen, darunter auch Videos mit drastischen Bildern, für Millionen von Menschen „überflutete“.
Etwa 30 Anzeigen wurden aufgrund der darin enthaltenen gewalttätigen Bilder vollständig aus der öffentlichen Bibliothek von Google entfernt. Eine andere Untersuchung ergab, dass Israel in weniger als zwei Wochen mit etwa 88 Anzeigen Zielgruppen in Westeuropa ansprach und 7,1 Millionen US-Dollar ausgab, um fast eine Milliarde Impressionen zu erreichen.³³
Anfangs war die Weltöffentlichkeit voll auf der Seite Israels und die israelische Medienkampagne amplifizierte diesen Effekt. Nachdem aber die Bilder des siebten Oktobers von den grauenhaften Bildern aus Gaza verdrängt wurden, erschien Ende Dezember 2023 eine Geschichte in der „New York Times“, in der zum ersten Mal von „systematischen Vergewaltigungen“ die Rede war. Laut dem „Times“ Artikel sollte auch eine junge Frau namens Gal Abdush Opfer einer Vergewaltigung geworden sein.
Kurz darauf traten Abdushs Verwandte an die Öffentlichkeit und bezichtigten die „Times“ Reporter der Lüge und der Manipulation: “Nicht nur haben Abdushs Schwester und Schwager abgestritten, dass sie vergewaltigt wurde, erstere hat die „Times“ beschuldigt, ihre Familie durch irreführende Angaben über den redaktionellen Ansatz zur Teilnahme an der Kampagne manipuliert zu haben ³⁴
In Deutschland wurde meines Wissens nicht über die Entlarvung dieser in der angeblich seriösen „Times“ platzierten Gräuelpropaganda berichtet und auch der UN-Bericht fand keine Erwähnung. Im Gedächtnis geblieben ist das Bild des vor Hass und Lust rasenden braunen Mannes, des islamischen Barbaren, der unschuldige weiße Frauen vergewaltigt.
Für die israelische Propaganda spielen Beweise keine Rolle und es kamen immer wieder neue Gräuelfantasien hinzu: In seiner Rede vor dem amerikanischen Kongress fantasierte Netanjahu über ermordete Kinder auf Dachböden, um über die Person der auf dem Dachboden versteckten Anne Frank Holocaust Assoziationen hervorzurufen.
Dunkler Tourismus
Die Gleichsetzung des Holocausts mit dem siebten Oktober ist Teil der israelischen Kommunikationsstrategie. Während ich das schreibe, acht Monate nach meinem Aufenthalt in Israel, ist dort ein großangelegter, multimedialer Erinnerungskult um den 7.10.2023 entstanden, der von der kanadischen Autorin Naomi Klein in dem Artikel „Wie Israel Trauma zu einer Kriegswaffe gemacht hat“ für den Guardian so beschrieben wird: Die israelische Regierung „rechtfertigt einen Völkermord in der Gegenwart mit einem Völkermord in der Vergangenheit – und das, während ihre Unterstützer Kunst, Film, virtuelle Realität, „dunklen Tourismus“ und sogar Mode nutzen, um das israelische Trauma in die ganze Welt zu tragen.“
Dabei nutzen die Propagandisten Weiterentwicklungen der schon im „Palmach“ Museum erprobten Methoden: Immersive Erfahrungen, die den Besucher fühlen und miterleben lassen. Ziel ist nicht Heilung oder Bildung, sondern Manipulation und Verengung der Perspektive. Klein zitiert in ihrem Artikel Amy Sodaro von der City University in New York, die sagt: „Es besteht ein Unterschied zwischen dem Verstehen eines Ereignisses, das die analytische Fähigkeit des Geistes sowie das Selbstbewusstsein bewahrt, und dem Gefühl, es persönlich zu durchleben.“
Letzteres führe nicht zu Verständnis, sondern zu einem, wie Sodaro es nennt, „prothetischen Trauma“, das, wie sie schreibt, in hohem Maße zu einem „vereinfachenden Dualismus zwischen Gut und Böse mit wichtigen politischen Implikationen“ beiträgt.
Die Konsumenten dieser Erfahrungen werden dazu ermutigt, eine Art destillierte Verbundenheit mit den Opfern zu empfinden, die die Essenz des Guten verkörpern, und einen destillierten Hass auf ihre Angreifer, die die Essenz des Bösen verkörpern.³⁵
Ungleiche Staatsbürger
Ich habe kein Bedürfnis, das Hotelzimmer noch mal zu verlassen und recherchiere Rekrutierung und Wehrdienst in der israelischen Armee. Die „IDF“ ist eine Rekrutenarmee, jeder israelische Bürger jüdischer Nationalität (bis vor kurzem mit Ausnahme der ultraorthodoxen Juden) muss zwischen 24 und 32 Monate Wehrdienst ableisten.
Dies gilt für Männer und Frauen, allerdings nicht für die palästinensischen „Staatsbürger“ Israels und nur mit Einschränkungen für die anderen Bevölkerungsgruppen wie Drusen und Tscherkessen. Israel ist der einzige moderne Nationalstaat, der eine Unterscheidung zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität trifft. Bei der Suche nach einer detaillierten Erklärung stoße ich auf einen Bericht von „Amnesty International“, der das Apartheidsystem in Israel beschreibt. Der Bericht ist umfangreich, 280 Seiten. Ich suche nach den relevanten Passagen und finde diese:
„Der Militärdienst ist in Israel für jüdische israelische Männer und Frauen sowie für drusische und tscherkessische Männer in Israel verpflichtend. Palästinensische Bürger Israels sind davon ausgenommen und haben seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 aus nationalen und politischen Gründen größtenteils nicht in seiner Armee gedient. Die Befreiung ist nicht gesetzlich verankert, sondern wurde als Verwaltungspraxis auf der Grundlage der Ermessensbefugnisse der israelischen Armee gemäß den Bestimmungen des Wehrdienstgesetzes von 1986 eingeführt.
Kein Wohngeld ohne Wehrdienst
Israelische Staatsbürger, die den Militärdienst absolvieren, erhalten vom Staat eine beträchtliche finanzielle Entschädigung, Zugang zu Arbeitsplätzen in bestimmten Bereichen wie dem Militär und der Sicherheitsindustrie sowie Zugang zu Wohngeld. Das Gesetz zur Aufnahme von entlassenen Soldaten von 1994 und seine späteren Änderungen enthält eine breite Palette von Leistungen, die ausschließlich ehemaligen Soldaten zur Verfügung stehen, darunter Bildungsbeihilfen und Wohngeld.
Durch die Verknüpfung von Leistungen mit dem Militärdienst stellt der Staat sicher, dass die überwältigende Mehrheit der palästinensischen Bürger Israels von diesen Leistungen ausgeschlossen ist. Zwar wird auch der Minderheit der jüdischen Israelis, die nicht in der Armee dienen, Zugang zu diesen Leistungen verweigert, aber sie haben zumindest eine sinnvolle Wahl.
Für fast alle palästinensischen Bürger Israels ist es undenkbar, in einer Armee zu dienen, die palästinensisches Land besetzt und die Rechte der Palästinenser systematisch unterdrückt. Die Verknüpfung von Leistungen und Militärdienst ist seit Jahrzehnten Gegenstand öffentlicher Debatten in Israel, wobei der Schwerpunkt auf der Idee liegt, einen obligatorischen alternativen Nationaldienst für palästinensische Bürger Israels oder die Ausgrenzung von Palästinensern vom Militärdienst zu nutzen, um die Privilegien zu rechtfertigen, die jüdische Israelis für den Dienst in der Armee genießen.“³⁶
Gelebte Apartheid
Wie wäre die Reaktion im Vaterland, wenn man in Deutschland auf diese Weise zwischen reinrassigen Deutschen und türkischstämmigen deutschen Staatsbürgern unterscheiden würde? Wäre Björn Höcke dafür oder ginge das sogar ihm zu weit?
Israel operiert zwei strikt voneinander getrennte Schulsysteme, eins für die jüdische, hebräischsprachige Mehrheit und eins für die palästinensische, arabischsprachige Minderheit. Die vorgeschobene Begründung ist, dass diese Regelung soziokulturelle Unterschiede berücksichtigt, eigentlich geht es aber darum, die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen aufrechtzuerhalten und die privilegierte Situation der jüdischen Israelis zu schützen.
Im Gegensatz zu jüdischen Schülern, die die Literatur und Poesie der zionistischen Bewegung lesen, welche die Gründung Israels im Jahr 1948 feiert, lesen palästinensische Schüler nicht die Literaturklassiker, die in der arabischen Welt gelehrt werden. Sie lernen auch nichts über die „Nakba“ oder die Geschichte der Palästinenser.
Sie müssen sich mit jüdischen Werten und der jüdischen Kultur auseinandersetzen. Obwohl Arabisch die Unterrichtssprache an palästinensischen Schulen ist, verbringen palästinensische Schüler wesentlich mehr Zeit mit dem Studium des Hebräischen, der jüdischen Geschichte und der jüdischen Kultur als mit arabischer Literatur und Geschichte. ³⁷
Wie wäre die Reaktion in Deutschland, wenn es getrennte Schulsysteme für reinrassige Deutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund gäbe?
Diese Beispiele für Ungleichbehandlung wirken allerdings wie unwesentliche Details, wenn man sie mit der massiven, lebensbedrohlichen Diskrimination vergleicht, der die Palästinenser in den besetzten Gebieten und dem Gaza Streifen ausgesetzt sind.
Die Situation der über 300 000 Palästinenser im besetzten Ost-Jerusalem wird im „Amnesty“ Report so beschrieben: „Palästinenser in Ostjerusalem hingegen können weder am politischen Leben in Israel noch im Westjordanland teilnehmen. Sie können zwar bei Kommunalwahlen in Jerusalem wählen und kandidieren, haben diese aber traditionell aus Protest gegen die anhaltende Besetzung und illegale Annexion Ost-Jerusalems durch Israel boykottiert und sind weiterhin von nationalen Wahlen ausgeschlossen.“

Aber damit nicht genug: Palästinenser in Ost Jerusalem unterliegen noch einer ganzen Reihe weiterer „Sonderreglungen“: “Palästinensische Einwohner Ost-Jerusalems sind keine israelischen Staatsbürger. Stattdessen wird ihnen ein unsicherer Daueraufenthaltsstatus gewährt, der es ihnen ermöglicht, in Jerusalem zu leben und Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.
Den Lebensmittelpunkt entzogen
Mit Hilfe diskriminierender Gesetze und Richtlinien haben die israelischen Behörden jedoch Tausenden Palästinensern den Status entzogen, auch rückwirkend, wenn sie nicht nachweisen können, dass Jerusalem ihr „Lebensmittelpunkt“ ist. Dies hat verheerende Folgen für ihre Menschenrechte. Im Gegensatz dazu genießen jüdische israelische Siedler, die in Ostjerusalem leben, die israelische Staatsbürgerschaft und sind von Gesetzen und Maßnahmen ausgenommen, die gegen palästinensische Einwohner Ostjerusalems erlassen wurden.“
Wie und wo leben die Palästinenser in Ost-Jerusalem?
„Im Juli 2021 lebten 358.800 palästinensische Einwohner innerhalb der Grenzen der Stadt Jerusalem, was 38 % der Stadtbevölkerung entspricht. Davon leben etwa 150.000 in Gebieten, die durch die Mauer und andere militärische Kontrollpunkte vom Rest der Stadt getrennt sind. Etwa 225.178 jüdische Israelis leben in Ostjerusalem in 13 illegalen Siedlungen, die von den israelischen Behörden gebaut wurden, und in Privathäusern, die im Rahmen diskriminierender Programme von Palästinensern übernommen wurden.“
Was ist das Ziel?
“Seit der Annexion Ostjerusalems im Jahr 1967 haben israelische Regierungen Ziele für das demografische Verhältnis von Juden zu Palästinensern in Jerusalem insgesamt festgelegt. In mehreren Beschlüssen befürworteten israelische Regierungen ein Zielverhältnis von 70 % zu 30 %. Im Jahr 2006 wurde das Ziel im Rahmen des regionalen Flächennutzungsplans 30/1 revidiert.
2009 wurde ein neues Ziel von 60 % Juden zu 40 % Palästinensern, das im „Jerusalem 2000“-Plan festgelegt wurde, beim Regionalen Planungsausschuss hinterlegt. Aussagen israelischer Politiker lassen darauf schließen, dass die Verweigerung wirtschaftlicher und sozialer Rechte für Palästinenser in Ostjerusalem nicht nur eine Folge der Enteignungs- und Segregationspolitik Israels ist, sondern vielmehr absichtlich erfolgt.
So sagte Teddy Kollek, der damalige Bürgermeister von Jerusalem, 1990: „Für das jüdische Jerusalem habe ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren etwas getan. Für Ostjerusalem? Nichts! Was habe ich getan? Nichts. Bürgersteige? Nichts. Kulturelle Einrichtungen? Nicht eine. Ja, wir haben ein Abwassersystem für sie installiert und die Wasserversorgung verbessert. Wissen Sie, warum? Glauben Sie, es war zu ihrem Besten, zu ihrem Wohl? Vergessen Sie’s! Es gab dort einige Fälle von Cholera, und die Juden hatten Angst, dass sie sich anstecken würden, also haben wir ein Abwassersystem und ein Wassersystem gegen Cholera installiert.“
Israel den Juden, Ausländer raus
Wer Israel verstehen will, der kommt am demographischen Problem, sprich, der Vertreibung der Palästinenser aus dem jüdischen Staat, nicht vorbei. Israel den Juden, Ausländer raus; wie so oft, ist es nicht nötig, geheime Dokumente zu durchforsten, die zionistische Führungselite nimmt schon lange kein Blatt mehr vor den Mund.
Als der damalige Premierminister Benjamin Netanjahu im März 2019 eine Nachricht auf Instagram postete, in der er sagte, dass „Israel nicht ein Staat aller seiner Bürger“ sei, sondern vielmehr „der Nationalstaat des jüdischen Volkes und nur dieses“, kristallisierte er eine Politik heraus, die sieben Jahrzehnte lang in der Entstehung begriffen war.
Bereits im Dezember 2003, als er Finanzminister war, sagte Benjamin Netanjahu: „Wenn es ein demografisches Problem gibt, und das gibt es, dann bei den israelischen Arabern, die israelische Staatsbürger bleiben werden.“ Er wies auf die Notwendigkeit hin, eine Politik zu verfolgen, die darauf abzielt, ‚Israels Araber‘ zu integrieren, und gleichzeitig sicherzustellen, dass sie nicht 35 % bis 40 % der Bevölkerung ausmachen.
Die sich da unten ewig die Köpfe einschlagen
Benjamin Netanjahu wurde zwar für seine Äußerungen von 2003 kritisiert, aber sie waren nicht die Ansichten eines Ausreißers. Yitzhak Rabin, sein Vorgänger als Premierminister, sagte: „Die rote Linie für Araber liegt bei 20 Prozent der Bevölkerung; das darf nicht überschritten werden. Ariel Sharon, als Premierminister, sagte 2002 in einer Knesset-Debatte, dass palästinensische Bürger zwar „Rechte in dem Land“ hätten, „alle Rechte über das Land Israel jedoch jüdische Rechte sind“.
Ehud Olmert sagte 2003, als Vizepremierminister und drei Jahre bevor er Premierminister wurde, dass „die demografische Frage“ „die Lösung diktieren würde, die wir anwenden müssen“, und dass die „Formel für die Parameter einer einseitigen Lösung lautet: die Zahl der Juden maximieren; die Zahl der Palästinenser minimieren“.
Viele Deutsche denken, Israel sei von gläubigen Juden, religiösen Fanatikern, gegründet worden, als verständliche Reaktion auf den Holocaust und es würden nun jüdische Fanatiker auf fanatische Muslime treffen. Das ist sicher einer der Gründe für die Beliebtheit der Phrase von den „Fanatikern, die sich da unten schon seit Jahrhunderten die Köpfe einschlagen.“
Ein Vernunftgen mehr
Was bei manchen hier mitschwingt ist ein gemütlicher Volksrassismus, der beim dritten Bier über die Unterschiede zwischen den Völkern sinniert und sich sagt, wir Deutschen hätten einfach ein Vernunftgen mehr als die da unten. Dieser Rassismus kommt gutmütiger daher als der in der Formulierung von Churchill, aber die beiden sind eng verwandt.
Viele Deutsche wissen aber auch schlicht nicht, dass die Situation in Palästina vergleichbar ist mit der Kolonialgeschichte von Vietnam, Südafrika, Algerien oder den Vereinigten Staaten. Die eingeborene Bevölkerung verteidigt ihr Land gegen europäische Neuankömmlinge, die eine Kolonie errichtet haben. Es ist kein Konflikt, der seit undenklichen Zeiten andauert. Er beginnt mit der Entscheidung der zionistischen Bewegung, ihre Kolonie in Palästina zu errichten.
Die nationalistische Ideologie der europäischen Siedler, der Zionismus, ist eine flexible, pragmatische Ideologie, die sich nicht um Gott schert und Kooperation mit allen erlaubt, die beim Ziel der Erhaltung und Vergrößerung der Kolonie behilflich sein können. Die Zionisten wollen das Land besiedeln und benutzen die jüdischen religiösen Fanatiker genauso wie die häufig antisemitischen, fundamental christlichen Fanatiker in den USA.
Gewalt ist Bestandteil jeden Befreiungskampfes
In Europa lässt sich die Situation in Palästina am ehesten mit der Geschichte Irlands vergleichen, was wohl der Grund dafür ist, warum viele Iren die Lage der Palästinenser besser verstehen als die Deutschen. Irland war Englands erste Kolonie. Das Land war 700 Jahre lang Teil des englischen und später des britischen Empires. Die Iren haben die Errichtung eines eigenen Staates 1922 durch einen blutigen Guerillakrieg erzwungen.
Rashid Khalidi, emeritierter Professor für Geschichte an der Columbia Universität in New York, spricht in einem Interview mit der israelischen Zeitung „Haaretz“ die unbestreitbare historische Wahrheit aus: „Ich bin kein Freund von Gewalt, aber mir ist klar, dass Gewalt ein wesentlicher Bestandteil jedes Befreiungskampfes ist. Gegen die überwältigende Gewalt der Kolonialherren wird es Gewalt geben, ob ich das will oder nicht.“
Khalidi verweist aber auch auf wichtige Unterschiede zwischen der Situation in Palästina und der Auseinandersetzung zwischen Einheimischen und europäischen Siedlern in anderen Ländern: „Wenn Sie von den Franzosen in Algerien sprechen, würde ich argumentieren, dass das Platzieren einer Bombe in einem Café sowohl moralische als auch staatliche Gesetze verletzt; es ist eine Verletzung des humanitären Völkerrechts.
Zwei Heldinnen der algerischen Revolution – Jamila Bouhired und Zahra Zarif – haben das getan. Auf politischer Ebene ist das meiner Meinung nach umstritten, denn die Kolonisten, französische Siedler in Algerien, haben letzten Endes einen Ort, an den sie zurückkehren können. Sie leiden unter dem, was ich „koloniale Angst“ nenne. Sie haben Angst vor den „Indigènes“, der einheimischen Bevölkerung, weil die „Indigènes“ in der Überzahl sind und sie wissen, dass die „Indigènes“ ihnen grollen.
Aber sie leiden nicht unter einer angeborenen Angst vor Verfolgung. Anders als die jüdischen Israelis haben sie keine Erzählung, in der jeder Angriff auf sie in diesen Kontext gestellt wird, anstatt in den lokalen Kontext. Und letztendlich war diese Gewalt erfolgreich. Moralisch gesehen ist die Einstellung zu wahlloser Gewalt schwarz-weiß. Aber politisch gesehen ist sie grau.“
Khalidi zeigt in dem Gespräch auch die besondere Problematik des palästinensischen Befreiungskampfes auf: „Er ist schwieriger als jeder andere Befreiungskampf, weil er sich nicht gegen ein Kolonialprojekt richtet, bei dem die Menschen nach Hause gehen können. Es gibt kein Zuhause. Die Juden leben seit drei oder vier Generationen in Israel. Sie werden nirgendwo hingehen. Man kann nicht einfach an sie wie an die Franzosen appellieren, damit sie ihre Kolonisten nach Hause holen. Es ist eher wie in Irland und Südafrika, wo man sich mit einer Bevölkerung arrangieren muss, die man als fremde Gruppe ansieht, die aber inzwischen verwurzelt ist und eine kollektive Identität entwickelt hat.“³⁸
Ähnlich wie beim Thema der „Nakba“, d.h. der ethnischen Säuberung der Palästinenser als Vorbedingung für den „jüdischen und demokratischen“ Staat, gibt es im Bezug auf die Tatsache, dass der Zionismus ein Kolonialprojekt war und ist, vollständige Übereinstimmung im seriösen akademischen Diskurs. Das ist auf Grund der Beweislage wenig überraschend. Bemerkenswert ist eher, dass diese grundlegenden Tatsachen bisher nicht über die Massenmedien ihren Weg ins allgemeine öffentliche Bewusstsein in Deutschland gefunden haben.
Im akademischen Diskurs wird mittlerweile vor allem um die richtige Definition des Kolonialprojekts gerungen. Die Definition, die mir im Lauf der Recherche am häufigsten begegnet ist, ist die der „Siedlerkolonie“. Siedlerkolonien zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass die Siedler nicht die Absicht haben, wieder in die Heimat zurückzukehren und nicht die Absicht verfolgen, die einheimische Bevölkerung, die „Eingeborenen“, zu Gunsten der kolonialen Metropole auszubeuten. Das vornehmliche Ziel des Projekts ist Landraub und Aneignung von Ressourcen.
Säuberung, Genozid und Assimilation
Die Palästinenser, die einheimische Bevölkerung des heutigen Israels, stellten und stellen einen Störfaktor dar, dessen sich die Kolonisten entledigen wollen. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, ethnische Säuberung und Genozid sind in solchen Situationen häufig das Mittel der Wahl. Aber auch Assimilation an die von den Kolonisten geschaffene Gesellschaft ist eine Option. Im Umgang Israels mit den Palästinensern lassen sich ähnlich wie beim Umgang der weißen Amerikaner mit den „Indianern“, den amerikanischen Ureinwohnern, Beispiele für alle drei Varianten finden.
Die Gewährung der israelischen Staatsbürgerschaft für einen Teil der palästinensischen Bevölkerung ist ein Beispiel für den Versuch des israelischen Staats, das Problem zumindest teilweise über Assimilation zu lösen. Bis 1966 unterlagen die Bürger Israels mit palästinensischer Abstammung einem besonderen Militärregime. Sie waren in ihrer Bewegungsfreiheit, sowie der Rede- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt.
Indianer und andere Eingeborene
Ein interessanter Unterschied zwischen der Siedlerkolonie Israel und der Siedlerkolonie USA ist die Entwicklung der medialen Repräsentation der Eingeborenen und ihres Widerstands gegen Landraub, ethnische Säuberung und Völkermord. Die Darstellung der amerikanischen Ureinwohner als blutrünstige Wilde, als Barbaren und natürliche Feinde des zivilisierten weißen Mannes erscheint heute zumindest einem Teil des Publikums als unglaubwürdig und rassistisch. John Wayne hat als Heldenfigur ausgedient. Das hält allerdings deutsche Journalisten wie Christian Schröder noch im Jahr 2007 nicht davon ab, Absätze wie diesen hier für den „Tagesspiegel“ zu schreiben:
„Es geht darum, sich die Wildnis untertan zu machen, und die Männer, die dabei die Grenzen der Zivilisation immer weiter nach Westen verschieben, sind wortkarge Eroberer, die keinem Gesetz gehorchen, nur ihrer eigenen Moral. Sie gehen lieber kämpfend unter als sich zu unterwerfen. Diese Tugenden der Pionierzeit, die dem Glücksversprechen der amerikanischen Verfassung für jeden einzelnen Bürger entsprechen, hat kein anderer Schauspieler so überzeugend verkörpert wie John Wayne, der heute vor hundert Jahren in Iowa geboren wurde. Er ist der größte amerikanische Held, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.“³⁷
Hart Männer, Brutale Methoden
Wortkarge Eroberer, harte Männer, die brutale Methoden nutzen, um sich die Wildnis untertan zu machen. Es ist der von Netanjahu bekannte Sound. Es ist erstaunlich, wie beständig die plattesten Klischees über die Vereinigen Staaten in Deutschland sind, während die von dem Schauspieler Marion Robert Morrison geschaffene Kunstfigur „John Wayne“ von der jüngeren Generation in den USA selbst als Negativbeispiel für eine verlogene, „toxische“ Form von Maskulinität abgelehnt wird.
Innerhalb des Western-Genres hat es seit den Zeiten von John Wayne eine Entwicklung gegeben. In dem Film „Der mit dem Wolf tanzt“, beispielsweise, der Kevin Costner 1990 zum Weltstar gemacht hat, lässt sich zumindest der Versuch beobachten, die „Native Americans“ auf eine realistischere, weniger rassistische Weise darzustellen. Diese Art von Entwicklung fehlt in Actionfilmen mit muslimischen oder arabischen Charakteren weitgehend.
Hier treten Araber und Muslime hauptsächlich als bärtige, barbarische Terroristen in Erscheinung. Hollywood Produktionen wie der Chuck Norris Klassiker „Delta Force“ oder der mit „Pulp Fiction“ Star Samuel L. Jackson besetzte Gerichtsfilm „Sekunden der Entscheidung“ sind nur zwei von vielen Beispielen für diese Art unterschwelliger Propaganda. ³⁸ Es ist diese Art von omnipräsenter, in Unterhaltung verpackter Propaganda, welche die Dehumanisierung der Palästinenser ermöglicht.